Fünfzehn Klimazonen bis zum Paradies

Der Bus schaukelt aus Bogotá hinaus, wiegt sich immer geradeaus. Giftgrüne Wiesen, seichte Hügel in der Ferne. Dann Eukalyptuswäldchen. Felsige Hügel und Hänge. Schließlich Kartoffelfelder. Die Wolken hängen tiefer wie sich der Bus die kurvigen Hänge hinauf schnaubt. Frühlingszwiebeln stehen auf den Feldern der „kalten Erde”. Wettergegerbte Menschen mit harten Gesichtszügen und dicken Wollponchos verkaufen Kartoffeln, Frühlingszwiebeln, Mandarinen und Käse am Straßenrand.  Manche von ihnen tragen Hüten und erinnern an Bilder, die man eigentlich mit Peru verbindet. Der Bus hält an einem Restaurant und Café. Zehn Minuten Pause. Ich habe keinen Hunger, steige aber doch aus, will wissen, wie es draußen riecht, wie warm es ist, wonach die Luft schmeckt. Es tut gut, die Beine zu bewegen. Seit rund fünf Stunden sitze ich im Bus. Die Luft ist frisch und kühl. Es riecht nach feuchten Wiesen. Ich atme ein paar Mal tief durch. Hier oben hört man nur den Wind, sonst ist es still.

Es geht höher hinauf, hinein in die Wolken. Die Vegetation nimmt ab, wird schließlich zur schroffen Mondlandschaft, nackte Bergspitzen ragen aus blass grünen Hügeln. Ich dämmere kurz weg. Der Bus schaukelt gemütlich und in der Nacht zuvor hatte ich nur vier Stunden geschlafen. Als ich die Augen wieder öffne, bekomme ich einen leichten Schreck. Hatte ich nur von Kolumbien geträumt? War ich noch immer in den schottischen Highlands? Die Landschaft vor dem Fenster sieht aus wie die von Glenshie oder um Glencoe. Dann tauchen ein paar Reiter am Straßenrand auf. Sie tragen Hüte, haben indianische Gesichtszüge und versichern mir, dass ich tatsächlich in den Anden bin, Schottland rund 5000 km entfernt ist.

Irgendwann – kaum mehr als eine Stunde später – nimmt die Vegetation wieder zu, wird üppig. Die Wollponchos verschwinden. Motorradfahrer brausen im T-Shirt vorüber. Es muss wieder warm sein. Der Bus tourt nach links und rechts tanzend die Andenhänge hinab. Meine Ohren blockieren. Dann geht es durch ein friedlich buntes Dorf, in dem sie gebratene Hähnchen und arepas (kleine runde Maisfladen) anbieten. Eine Schule, bunte Fassaden und ein Park sind zu sehen. Kinder tollen herum, Hühner gackern, Frauen lachen und diskutieren über ihren Hähnchenständen und Hunde dösen unter den Bäumen. Und wer genau hinsieht, der erkennt auch Löcher an den Fassaden. Paharito war nicht immer so friedlich. Vor rund fünfzehn Jahre beherrschten Guerilla das Gebiet und die Löcher sind Einschusslöcher. Die Fassaden sind nun bunt angestrichen, doch die erschreckend vielen Löcher kann man noch immer sehen.

Wir erreichen Aguazul und schließlich mein Ziel, Yopal. Das Terrain ist hier wieder flach, die Berghänge liegen hinter uns wie eine dramatische Kulisse, die Vegetation ist giftgrün und üppig. Weiße buckelige Kühe weiden im hohen Gras, in einem Pool neben einem Restaurant plantschen Menschen und nahezu überall wird Fleisch gegrillt. Die Flüsse sind bevölkert von aufgeblasenen Plastikkrokodilen und mit in Schwimmflügeln steckenden und strampelnden Kindern. Es ist Sonntag. Familientag in Kolumbien.

Als ich den Bus verlasse, faucht mir die tropische Hitze entgegen wie ein wildes Tier. Benommen streife ich mir erst den Pullover, dann das langärmelige Hemd vom Leib, bis ich keuchend und schwitzend im Unterhemd dastehe. Ich bin angekommen, nach gefühlten fünfzehn verschiedenen Klima- und Vegetationszonen und acht Stunden Busfahrt. In unserem Zuhause von nun an. Bogotá ist weit weg. Das hier ist Weideland, Cowboyland, Tropenland, Prärie. Casanare liegt im Osten Kolumbiens und hat neben Naturschönheiten auch wilde Tiere wie Ameisenbären, Krokodile, Schlangen, Wasserschweine, den rosa Delfin, Leguane, Affen und Papageien.

Als ich ums Haus laufe, durch den bewachsenen Garten bleibe ich an einem Orangenbaum stehen. Mir fällt Peter Fox’ Haus am See ein. Unser Haus steht nicht am See, sondern hinter ihm fließt ein kleiner Fluss, Orangenbaumblüten liegen auf dem Weg, aber ich bin nicht alt. Im Paradies angekommen bin ich trotzdem. Wozu warten bis man alt ist? Man weiß ja nie, wie viel Zeit auf Erden einem zuteil wird.

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