Dinge, die ich in Kolumbien lerne

Geduld

Egal wo, egal was. Alles (hier) braucht seine Zeit. Gelassen habe ich die Worte „sofort” und „mal eben” aus meinem Wortschatz gestrichen.

Wir gehen „mal eben” einkaufen. Soll heißen, dass zuhause eine kleine Inventur mit anschließender Diskussionsrunde darüber beginnt, was fehlt, was wir brauchen und was denn wohl gerade im Angebot ist und deswegen unbedingt gekauft werden muss. Im Supermarkt wird dann nicht zielstrebig eingekauft. Es wird alles genauestens inspiziert, abgewägt, betastet, beschnüffelt, eingehend betrachtet, wieder ausdiskutiert. Wir laufen die Reihen entlang, anfangs gemeinsam, dann verlieren wir uns, rennen wie aufgescheuchte Hühner voneinander fort, aufeinander zu, voneinander fort, aufeinander…  (Im Wagen landen am Ende Dinge, von denen bei der Inventur nicht die Rede war).

Zeit ist in Kolumbien nicht Geld. Es ist nur eine Einheit. Verschwindet gering in einem Land, dreimal so groß wie Deutschland und durchzogen von gleich drei Gebirgszügen der mächtigen Anden, die jede Passierfahrt stundenlang in die Länge ziehen. Hinzu kommen die wildgemischten Gene, meist von Südeuropäern und Indianern. Letztere hatten ohnehin nie die absurde Idee, Zeit sei Geld.

Mal eben zum Amt? Zum Notar? Zur Ausländerbehörde? Zum Arzt? Well, you get the picture.

Ich bin ungewollt zur Sammlerin von „digi-turns”, gezogenen Nummernzettel, geworden. Am Ende springt doch jemand vor mir dazwischen („guck mal, die Gringa, die wird nichts sagen”) und will nur „mal eben” etwas. Ich muss warten. Warten warten warten… Always look at the bright side: Herrlich, endlich habe ich Zeit, all die Bücher zu lesen, die ich schon immer hatte lesen wollen! Und das ZEIT-Abonnement auf dem Kindl bringt mir jeden Donnerstag ein kleines Stück Heimat in die Wartezimmer Kolumbiens. Es inspiriert auch. Ich zücke mein graues ledergebundenes Notizbuch und schreibe, über all die Begegnungen und Irrungen, die mir hier passieren. Dafür hatte ich in Europa wenig übrig: Wenig Zeit und wenig nennenswerte Irrungen.

Alles eine Frage der Perspektive

Ich hatte geglaubt. andere Kulturen zu verstehen, einen offenen Horizont und ein gutes Verständnis der eigenen Kultur zu haben. Weit gefehlt. In Kolumbien stoße ich immer wieder an unsichtbare Grenzen. So feste, dass ich durch sie hindurch stoße. Autsch! Aber jetzt ist er weit(er), der Horizont.

Ich komme vom Kontinent des Feminismus, technologischen Fortschritts, der Kirchenaustritte, der Emanzipation, der Mülltrennung, der gut ausgebildeten breiten Mittelschicht, des Graubrotes, des wachsenden Veganismus, der Single-Haushalte und des Pseudo-Umweltschutzwahns. Noch schlimmer, ich lasse meinen kleinen Freundeskreis von Akademikern zurück, in dem ich es mir so bequem gemacht hatte:  Sie machen Städtetrips, klettern, zelten, besuchen experimentelle Theateraufführungen, Wochenmärkte, Vernissagen, laden zu Weinabenden ein, zum Sonntagsbrunch, besuchen Töpferkurse in Barcelona oder pilgern den Jakobsweg.

Das alles liegt nun seltsam weit entfernt. Im März war ich noch bei einer dieser Freundinnen in London. Wir gingen über Märkte, tranken Rosé in der Nachmittagssonne, Cappuccino in einem der vielen hippen Cafés, wir ernteten Salat aus dem Gemeinschaftsbeet an ihrem Straßenende in Nordlondon und brunchten in dem Slow Food Café um die Ecke, das mit den rustikalen Holztischen und den Factory-Lampen.

Knappe zwei Monate später landete ich in Bogotá. Noch einmal gute zwei Monate später wohne ich auf dem kolumbianischen Land. Der Hahn kräht mich morgens aus dem Bett. Der Strom fällt regelmäßig aus. Um Wasser zu sparen, springen wir vorm Mittagessen in den Fluss hinterm Haus. Es ist paradiesisch und doch so anders und man lernt, dass Paradies nicht nur Paradies ist und dass es doch eben so paradiesisch ist, weil so einfach, so unkompliziert. Slow Food, Bio, Bauernmarkt. Ich kichere in mich hinein. Hier ernten wir entweder aus dem Garten oder holen die Zutaten vom Gemüsemarkt im Dorf. Kein schicker Markt mit eingemachten Currychutneys, belgischer Schokolade, Espresso-Maschine und bärtigen Indie-Musikanten, sondern einer, auf dem rotwangige zupackende Bauern mit schmutzigen Händen sandige Kartoffeln, Yukkawurzeln, Bananen, Tomaten und Gurken in allen – sicher den EU Normen unpässlichen – Größen anbieten. Dies ist nicht ihre Wochenendnebenbeschäftigung, ihr kleines Pläsier neben dem Freelancejob in der Medienbranche. Sie ernähren damit eine sechs- oder achtköpfige Familie.

Längst habe ich das Tweedjacket in Folie eingeschweißt im Schrank verstaut. Überbleibsel vom glamourösen Berufsleben in Schottland. Die einst sauberen Jeans haben Lehm- und Ölflecken. Die meiste Zeit trage ich die Hemden meines Mannes, Arbeitshandschuhe und Gummistiefel.

Wer jetzt meint, das sei kolumbianisch, liegt völlig falsch. Viele Frauen hier tragen enge Jeans, Glitzershirts und hohe Absätze. Auf’s Pferd gehören nur die Männer und hinter die Bohrmaschine sowieso.

So kommt die Bewunderung für meine unangepasste Anpassung letztendlich von den Freunden daheim, nicht etwa aus dem sich entwickelnden Kolumbien. Hier strebt alles nach schön, reich, neu.

In Europa, des Neuen satt, sehnen wir uns hingegen nach alt, gebraucht, selbstgemacht. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

PS: Meine Londoner Freundin kommt mich hier übernächsten Monat besuchen. Ich kann es kaum erwarten, sie auch in Gummistiefel zu stecken – oder lieber in Glitzershirts? Wir werden wohl beides ausprobieren. „Horizonterweiterung” nennt das dann der moderne europäische Akademikerklüngel.

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3 thoughts on “Dinge, die ich in Kolumbien lerne

  1. Julia. Parece que crees que Colombia es un pais homogeneo. La percepcion del manejo del tiempo tiende a generalizar lo que difiere mucho de region a region. Das la imagen de un lugar donde no se es productivo. Ya quisieran muchos europeos tener estandares de trabajo en sus empleados como los que se ven en Medellin, Cali o Bucaramanga, por mencionar solo algunos lugares. Parece que te falta recorrer mas el pais.

    1. Gracias, Jaime. Sí, cómo escribo en el articulo estoy hablando de mi experiencia personal en mi familia. Los Paisas son muy diferentes a los Llaneros por ejemplo. Voy a escribir más sobre las diferencias y la diversidad de Colombia – gracias por su feedback!

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