Mauro, Vater des Viehs

Eigentlich hatten wir nur einen Hahn kaufen wollen. Doch dann betraten wir ein wahrlich wunderliches Wunderland.

Wir hatten eigentlich nur nach einem geeigneten Hahn suchen wollen. Unsere Hennen legen nicht ordentlich, also bedarf es eines Alphatieres, das einmal ein wenig Leben in den trägen Haufen bringt. Als wir dann Mauros Grundstück betreten, will ich mir immerzu die Augen reiben. Zunächst fallen mir die vielen Plastikflaschen auf, die – geschickt konstruiert – zu Blumenkübeln- und betten weiterverwertet wurden. Ein Laufvogel mit großen Fischaugen stakst flink auf uns zu und beginnt exotisch zu Quäken. Dabei legt er den Kopf etwas schief als wolle er fragen: „Was macht ihr hier?” Dazu werden unsere Beine von einer Schar Hunde beschnüffelt. Weitere Vögel schauen misstrauisch ums Eck, sodass wir uns jetzt ganz wie Eindringlinge fühlen. In einer Hängematte in dem für die Region typischen strohbedachten Pavillon baumelt ein Junge. Wir fragen nach Mauro. Faul wirft er seine Hand Richtung Haus.

Auch Mauro liegt in einer Hängematte – einer aus Kuhleder. Es ist Mittagszeit, Zeit für die Siesta. Ein Geierjunges frisst aus einer Schale zu seinen Füßen, zwei rot-weiße Katzen schlafen einander umschlungen, in einem Terrarium döst ein Alligatorjunges, in einem weiteren eine kleine Schildkröte.

„Hey Mauro, wie geht’s?”

„Gut, gut.”

„Was macht deine Frau?”

„Die ist mir weggelaufen.”

Mauro ist ein Phänomen. Des Alten braune Haut hat tiefe Furchen, vor allem Lachfalten, die sich durch das ganze Gesicht ziehen. Immerzu lacht Mauro. Er hat einen Schnurrbart und kleine verschlafenen Augen. Entspannt sieht er aus. Gemächlich steigt er aus seine Hängematte und beginnt seine Führung mit uns: Ein weiterer Geier am großen Wasserloch hinterm Haus, exotische Enten mit Jungen, ein zahmes Wasserschwein, das nicht von Mauros Seite weicht, Kanarienvögel, Tucane, weiße Kaninchen (spätestens jetzt wirkt alles wie Zauberei), Papageien, lauter andere Vögel, deren Art ich nicht benennen kann, Enten, Hühner, zwei Wildschweine und ein Dutzend Hausschweine. Wir beenden unsere Tour in dem Strohpavillon. Der Junge ist verschwunden. Dafür pickt ein vorwitziger Tucan an Mauros Zehen, das Wasserschwein lässt sich die Ohren kraulen.

Über uns im Strohdach hängen Souvenirs so spannend wie in einem Naturkundemuseum: Schädel, Schlangenhäute, Nester. Mein Mann, A., deutet auf eine sieben Meter lange Schlangenhaut. „Man hat diese Anakonda bei uns auf der Farm gefunden. In ihrem Leib steckte ein Kalb.”

Mauro schaukelt auf einem Stuhl, der Tucan sitzt auf seinem Schoß, etwas Felliges zu seinen Füßen. Das Bild ist fantastisch und surreal. Mein Gehirn meldet „Hund”, doch wenn ich runterblicke, sehe ich das große eigentlich wilde Wasserschwein, das sich kraulen lässt und dabei zufrieden leise quiekt. Mauro und seine Tiere, das ist eine große glückliche Familie. Selbst die Wildschweine, für den Verzehr gedacht, sehen hier zufrieden aus.

Dann serviert uns Mauro noch hausgemachten Käse und ich kaufe einen jungen schwarzen Hahn: Ernesto.

Ernesto kräht jetzt in unserem Hühnerstall. Aus voller Kehle. Vielleicht ruft er nach Mauro, seinem Vater.

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