Für Europa ist Südamerika ein Mann mit Schnurrbart und Revolver

Für Europa ist Südamerika ein Mann mit Schnurrbart, Gitarre und Revolver

„Für Europa ist Südamerika ein Mann mit Schnurrbart, Gitarre und Revolver”, hatte der kolumbianische Schriftsteller Gabriel Garcia Márquez einmal gesagt. Damit lag er sicherlich nicht falsch.

Aktuell recherchiere ich zum Thema sozialer Wandel in Kolumbien. Bei der Bemühung um Interviews vor Ort, wurden mir großzügig die Türen in die Büros von Vorständen und Abteilungsleitern geöffnet. So groß ist der Hunger, internationale Journalisten persönlich kennenzulernen, ihnen das echte Südamerika näher zu bringen. „Viele Journalisten haben bei ihren Recherchen, beim Schreiben ihre deutsche Brille auf”, erzählt zum Beispiel der Leiter eines deutschen Instituts in Kolumbien schmunzelnd. Die deutsche Brille, das ist die durch die dem Lateinamerikaner, dem Latino, Schnurrbart, Gitarre und Revolver angeklebt werden. Ein bisschen wie die Hipster-Accessories, die in den sozialen Medien die Runde machen. Also durchaus cool und verwegen.

Die Reaktionen, auch in den sozialen Medien, über meine geplante Umsiedelung nach Kolumbien (dem wohl „schlimmsten Land” Südamerikas, wenn man sich so umhört) riefen verschiedene Reaktionen hervor. Jene, die Kolumbien oder Südamerika kennen, beglückwünschten, beneideten mich. Je kleiner der Reiseradius der einzelnen Meinungsführer wurde, desto drastischer wurden die Prophezeiungen: „Da entführen sie dich doch! Pass bloß auf.”

Mal ehrlich

Verdenken kann ich es keinem. Kolumbien stand lange Zeit auch nicht auf meiner Reisewunschliste. Außer Márquez, Shakira und Guerilla hatte auch ich wenig Vorstellungen davon wie es in Kolumbien zugeht. Dann lernte ich A. kennen und einen Haufen anderer Kolumbianer. An der Uni in Großbritannien. Sie alle waren gebildet, modern und herzlich. Schließlich die erste Reise vor knapp zwei Jahren. Anfangs bewegte ich mich noch ängstlich durchs abendliche Bogotá, vorsichtig durch bunte Gedränge in den Küstenstädten und über verschlungene Dschungelpfade. Irgendwann dämmert es mir jedoch: Alles halb so wild.

Statistiken sind Statistiken

Natürlich. Kolumbien schreibt seine beachtlichen Zahlen. Noch immer. Da ist der Kokainexport, sind die Morde an Gewerkschaftern (jährlich noch immer um die 30), die weltweit meisten Binnenflüchtlinge, zumeist in ländlichen Regionen durch Gewalt hiesiger Banden und zugunsten großer Konzerne, die das Land für Palmölplantagen und Bodenschätze nutzen wollen. Nun bin ich jedoch nicht im Kokaingeschäft tätig noch Gewerkschafter oder Bauer. Und so kommt es, dass ich selbst vermutlich nicht Teil dieser Statistiken werde. Bedrückend bleiben sie natürlich. Aber deshalb ist neutrale, ehrliche Berichterstattung so wichtig.

Im Übrigen ist es mit Statistiken so. In Deutschland ist die Mordrate im weltweiten Vergleich relativ gering. Schlägt ein Trunkener meinem besten Freund eines nachts eine Flasche über den Kopf, dann interessiert diese Statistik wenig. Ähnlich ist es andersherum. Ich laufe nachts alleine durch Bogotá, reise nachts durchs Land und bin auch in der Dämmerung noch im Auto, auf dem Roller unterwegs. Sobald man mittendrin lebt in dieser Welt, aus der die Statistik stammt, zählt das Gefühl, nicht die Zahl.

Und so ist es die Erfahrung im Land, die mich meine deutsche Brille einmal abnehmen lässt. Neutral und unvoreingenommen mache ich mich an meine Recherchen, bemüht den Mann mit Schnurrbart und Revolver aus meinem Büro auszusperren. Zutritt verboten. Und wieder wird klar: Reisen bildet. Sollte jeder tun, auch Statistik-Freunde.

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