Morgens in Kolumbien – Wenn der Milchmann kommt

Heute morgen war ich beim Arzt zum Routinecheck. Während ich um sieben draußen vor dem Gebäude in der Morgensonne auf meine Blutergebnisse wartete, erwachte Yopal zum Leben. Roller mit schick gekleideten Büroangestellten flitzten umher, Pickups mit behüteten Cowboys blubberten vorbei, vor der Bäckerei gegenüber schlürften Leute ihren Cappuccino und blätterten in Zeitungen (oder ‘swipten’ über ihre Smartphones), Radler zogen vorüber – professionelle Rennradfahrer, die sich vor der Arbeit dem Morgensport hingaben, ebenso wie Tagelöhner mit Cowboyhüten und Gummistiefeln auf ihren alten Drahteseln – und Kinder hüpften in Schuluniformen über den Bordstein. Dann ein Moped mit zwei großen silbernen Milchkannen. Verbeulte Kannen, fast ein wenig historisch. Gezielt kommt der grauhaarige Fahrer vor einem Haus mit Patio zum Stehen. Ein Mädchen rennt herbei, einen kleinen Metalltopf am Handgelenk wippend. Nun schöpft der Fahrer zwei Kellen frische Milch in den Topf. Sie drückt ihm einen Schein in die Hand und verschwindet im Haus. Das Moped knattert davon, die Kelle im Eimer mit dem nun milchigen Wasser schwankt gefährlich als er um die nächste Kurve verschwindet. In der Bäckerei an der Ecke, um die das Moped bog, erklärt ein Herr im weißgestärkten Hemd nun einer Dame im Kostüm etwas, wobei er den Finger über sein iPad flitzen lässt und die Dame eifrig nickt und gestikuliert. Wieder bin ich ein wenig nostalgisch verklärt davon, wie selbstverständlich hier Altmodisches (der Milchmann), Traditionelles (Männer mit Cowboyhüten) und Neumodisches (das iPad) nebeneinander leben. Nostalgie hat hier Platz und wird gepflegt. Sicher, das Schwellenland ist in seiner heißen Entwicklungsphase und das iPad ein Luxus der Wenigsten, doch es pflegt auch seine Traditionen ganz selbstverständlich. Der Herr mit dem iPad wird am Sonntag mit seiner Familie beim großen Sonntagsbratenessen auf dem Land sitzen, wo eine halbe Kuh am Feuer gart und er wird auch ein paar Tamales (in Maisblättern gekochter Maisbrei) für seine Kinder bei der alten Nachbarin des Milchmanns kaufen. Vielleicht kauft seine Frau sogar Milch vom Milchmann während er hier in der Bäckerei über dem Design der neuen Webseite seines Arbeitgebers brütet. Um vier und manchmal um drei stehen die Bauern auf und melken ihre Kühe. Die Kälbchen binden sie solange neben ihren Müttern fest. Es bleibt immer genug Milch für alle, Mensch und Tier. Anschließend werden Mutterkühe und Kälber wieder auf die Weide entlassen. Dann kommen die Männer mit den Milchkannenmopeds und kaufen den Höfen die frische Milch ab. Sie fahren die zwölf Kilometer zur Stadt und verkaufen die Milch dort weiter. Einen Teil der Milch behalten die Bauern natürlich für sich. Unser Freund Mauro zum Beispiel, der daraus Käse macht. Stundenlang wird die Rohmilch in der Pfanne geknetet bis sie fest ist. Fertig ist der Käse. Um zwölf können wir ihn abholen. Er hat den Durchmesser der Pfanne und kostet 5000 Pesos (etwa 2 Euro). Zwei Orangen vom Baum, die schenkt uns Mauro meistens auch noch und sein breites Lächeln – unbezahlbar.

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