Kolumbien begreifen: Ein Land, viele Welten

Jesus Christus, Don Quijote und ich, wir waren die drei größten Dummköpfe der Geschichte.

Simón Bolivar, Dezember 1830

Als der großkolumbianische Befreier Bolivar 1830 von Depressionen und Fieber geschüttelt, als gebrochener Mann den Rio Magdalena Richtung Karibikküste hinabfährt, die überwundenen Anden zurücklassend, die Spanier geschlagen, da zieht er die nüchterne Bilanz seiner Heldentaten, seine Revolution käme dem ,,Pflügen im Meer” gleich.

Kolumbien sei zwar von den Kolonialherren befreit, doch haben sich die Strukturen von einst lediglich verschoben. An die Stelle von Kolonialherren treten Großgrundbesitzer, Familienclans und Banden, die sich das gemeine Bauernvolk feudalherrschaftlich unterwerfen. Der Traum von der großen Freiheit und Einheit, wie ihn Bolivar hatte, bleibt eine Utopie bis heute. Zu groß, zu zerklüftet ist Kolumbien mit seinen drei mächtigen Gebirgsketten, dem tiefen Amazonasgebiet im Süden und den vielen ethischen Bevölkerungsgruppen.

Der Konflikt linker und konservativer Gruppen legt sich in den Fünfzigern zusätzlich über die allgemeine Ordnung, setzt neue Maßstäbe und Strukturen und erschüttert die ohnehin schwer geschundene Zivilbevölkerung noch einmal mehr. Es herrschen Guerillagruppen, schließlich die noch blutrünstigeren Paramilitärs. Genährt werden sie von Bandenkriminalität, aus der Armut flüchten wollenden Bauernjungen, (auch dank des europäischen Konsums) von gut gehenden Koka-Laboren, korrupten Beamten und Politikern.

Kolumbien, das ist nur schwer zu begreifen für Europäer. ,,Es gibt nicht ein Kolumbien, sondern viele”, so Hubert Gehring, Leiter der KAS in Bogotá. Da sei das vom Konflikt geschundene Kolumbien, das Land mit den weltweit meisten Binnenflüchtlingen. Dann gibt es das wunderschöne Land mit seiner Artenvielfalt und den bunten Kulturen, dass zunehmend auf nachhaltigen Tourismus setzt. Medellín, einstige Drogenweltmetropole, wurde zum Gewinner des weltweit ausgeschriebenen Innovationspreises ernannt. Von Santa Marta wird ,,Blutkohle” nach Europa transportiert, zerstört kolumbianische Landschaften und Gemeinden – und deutsche Arbeitsplätze. In Bogotá forschen Mediziner an modernen Behandlungen zur Krebstherapie. Jährlich werden rund 35 Gewerkschafter ermordet. Cartagena de Indias im Norden erfreut sich an den Vorzügen einer UNESCO-Weltkulturhauptstadt.

Wie kann es sein, dass so viele Welten koexistieren?

Kolumbien ist magischer Realismus.

Gabriel Garcia Márquez, kol. Nobelpreisträger

Real ist es gewiss. Man bestaunt eine magische Kolonialkirche und wird um die Ecke erschüttert vom Anblick Klebstoff schnüffelnder Straßenkinder. Man lässt den Blick über ein weites Flussbett streifen und ist entrüstet über die Steine abtragenden Bagger, die Ölindustrie, die Minen. Da sind die Friedensgespräche mit der FARC in Havanna und zu junge rekrutierte Soldaten auf beiden Seiten, Minenopfer und 50 Flüchtlingsfamilien täglich, die in Bogotás Slums stranden.

Kolumbien, das streichelt den Europäer, schmeichelt ihm, nur um ihm dann mit voller Wucht, aus dem Hinterhalt sozusagen, feste ins Gesicht zu schlagen. Man ist wach, to say the very least.

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