Reise, Tourismus, Bucket Listen: Rette sich, wer kann

Bettenburgen, Disneyland, Skipisten in einer Wüstenstadt, kilometerlange Schlangen vor Louvre und Colosseum, überbuchte Hotels in Rom, Touristenabzocke in Thailand und Wartelisten für Macchu Pichu. Ist der moderne Tourist noch zu retten? Ja, mit Slow und Social Travelling.

Erst wird etwas trendy, dann wird es gehyped und alle fahren hin und weil alle hinfahren, wird es überlaufen und gilt dann als überbewertet, denn: Keine Erfahrung ist eine authentische, wenn sie tausende oder auch nur hunderte anderer Erfahrungswütiger gleichzeitig erleben wollen. Also fällt die Beliebtheitsskala von 100 auf 0. Das kann dauern (Macchu Pichus Besucherströme reißen nicht ab) oder geht schneller (verwaiste Hotelburgen an spanischen Küsten) – oder sie kriegen die Kurve und erfreuen sich neuer Beliebtheit.

Dazu müssen sie Trends im Auge behalten. Was wollen Touristen heute?

Blog-Artikel, soziale Medien und Reiseberichte schreiben zunehmend etwas von „Bucketlist“, von „1000 places to visit before you die“ und von „Top Destinationen 2015“.

Schnell hin, instagramen, bloggen und: abgehakt. Next stop.

Viele haben die Jagd nach der kompletten Bucketlist zur Berufung gemacht. Sie haben Job und Familie verlassen und sich ein „Round-the-world“-Ticket gekauft und sammeln nun Passstempel wie Trophäen.

Reisen hat seine Richtung verloren. Vom einstigen Entdecken fremder Kulturen hat es sich in eine Tätigkeit nach dem Tickbox-Verfahren verwandelt. Von A wie Australien zu Z wie Zypern müssen alle Kontinente, Himmelsrichtungen und Aktivitäten einmal erlebt werden.

Genau wie unser Alltag ist das Reisen nicht einfacher und entspannter, sondern viel zu kompliziert geworden. Anstatt unseren wahren Interessen nachzugehen, hechten wir dem hinterher, was uns Medien vermitteln, was wir erlebt haben müssen. Skuba-Diving, Tempel, Nationalparks, Strände, Buchten und Inseln werden zu Hotspots, zu überrannten Magneten, die wir nicht aus Leidenschaft, sondern aus schlechtem Gewissen aufsuchen („Na, wenn wir schon hier sind, müssen wir auch … gesehen/gemacht haben!“). McDonals, KFC und Disney gibt’s gleich dazu. 

Wer passt sich wem an? Der Besucher der Destination oder die Destination dem Besucher? Wollen wir McDonalds neben dem Tempel sehen?

Anstatt uns auf Märkten und in fremden Straßen zu verlieren, huschen wir per Navi-App von Sehenswürdigkeit schnurstracks zu Sehenswürdigkeit. Anstatt die Einheimischen nach dem Weg zu fragen, googlen wir. Einheimische Speisekarten und Schilder gibt es oft auf Englisch und wir lassen uns nicht mehr überraschen.

Geht es hier noch um fremde Kulturen? Um das Erlernen einer fremden Sprache? Oder geht es darum, seine Bucketlist abzuarbeiten, möglichst viele Likes zu sammeln?

Slow Travel – Der Gegen-Trend

Immer mehr Touristen kehren dem Mainstream, dem raschen Jet-setten den Rücken zu. Deutschland wurde etwa zum Markt Nummer eins für Kreuzfahrten. Die Sehnsucht nach Meer, nach Blau und danach vielleicht, wie einst Marc O’Polo, über die Meere zu gleiten und neue Welten vom Wasser aus zu Entdecken, treibt die Deutschen an Bord. Die Mehrzahl der Deutschen urlaubt außerdem in: Deutschland! Wellness, Genussreisen und Kultur stehen hoch im Programm. Slow Travel hat Hochkonjunktur.

Exotische Ziele sind dennoch beliebt; Thailand, die Malediven und Lateinamerika zum Beispiel. Individualtourismus und authentische Erfahrungen sind hierbei ganz hoch im Kurs. Wie können wir wieder Entdecker sein, Reisender im eigentlichen Sinne?

Hier einige Beispiele: Sie interessieren sich für Handarbeit? Machen Sie bei einem einheimischen Workshop mit. Sie sind Vogelkundler? Ziehen Sie mit dem örtlichen Vogelbeobachtungsclub los in die Berge. Sie sind Hobby-Schauspieler? Fragen Sie, ob Sie eine Gastrolle im örtlichen Theater bekommen. Ein Pferdenarr? Schauen Sie bei einem örtlichen Gestüt vorbei. Der Besitzer nimmt Sie vielleicht mit zur Pferdeauktion, die gerade im Nachbarort stattfindet. Sie lieben Kulinarik? Wie wäre es mit einem gemeinsamen Kochabend mit Einheimischen?

Anstatt Bucketlisten abzuarbeiten, könnten Touristen ihren Hobbys frönen, ihren Vorlieben in einer anderen Kultur, einem anderen Land nachgehen. Auf solche authentischen Erfahrungen müssen Reiseveranstalter nun hinarbeiten.

Dabei bleibt die Gefahr des Pseudo-Authentischen. Das Prinzip ,,Einheimische im Indianerkostüm” versteckt sich hinter so mancher Tour. Die Frage steht im Raum: Kann kommerzieller Tourismus überhaupt authentisch sein?

Social Travelling: Ein Nischentrend wächst

Das Prinzip fremder Begegnungen, Touren mit Einheimischen, ist so populär wie schon lange nicht mehr. Sharing-Economy ist das Buzz Wort der Stunde.

AirBnB, LikeaLocal, Tripbod, Spottedbylocals, Couchsurfing und Cookening lassen Reisende in die örtliche Szene eintauchen, ihr Leben tauschen und mal wie die Einheimischen leben und mit ihnen, unter ihnen – egal ob in New York, ob in Lima oder in Berlin, immer mehr Touristen probieren dieses Prinzip aus. Social Travelling nennt sich das. Es füllt die Lücken, die der allgemeine Reisemarkt kommerziell nicht zu schließen weiß.

Reisende sind müde vom TajMahal, vom Louvre, vom LondonEye. Lieber wollen sie mit Einheimischen kochen, wandern, Musik machen, Geschichten erzählen und mal „so ganz andere Lebensweisen kennenlernen“. Dafür organisieren sie sich ihre Reisen selbst, per Couchsurfing, per AirBnB, per Likealocal – fernab der Pauschlatouren.

Eine Nische ist dies längst nicht mehr. Doch wie können Unternehmen Social Travellern gerecht werden? Wie können sie diese zurückgewinnen, Marktanteile stärken?

Dies geht nur mit maßgeschneiderten Angeboten, mit hyper-individuellen Tourangeboten und der Einbindung der lokalen Bevölkerung und authentischer, werte-basierter Unternehmen im Reiseland. Zudem müssen Erfahrungen mit Einheimischen geboten werden. Keine Indianerdörfer, sondern zeitgemäße Begegnungen, Erfahrungen und Austauschs – etwa die Teilnahme an Volksfesten, ein Kochabend mit Einheimischen, eine Vogelkundetour mit einheimischen Guides, Konzerte, Vernissagen und die Unterbringung in kleinen familiengeführten Gasthäusern (wo man Gast, nicht nur Kunde ist), auf Bauernhöfen oder Plantagen.

Was meinen Sie?

Diskutieren Sie mit – in den Kommentaren, per Twitter oder Email!

Herzlichst,

Julia Buschmann

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