5 Dinge, an die ich mich in Kolumbien nie gewöhnen werde

Kolumbien und Europa – dazwischen, so scheint es mir, liegen Welten, zumindest jedoch ein großer Ozean. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Wahlheimat. Kulturell jedoch bin ich zu einem Individualisten erzogen worden, von Haus aus bin ich unabhängig, eher introvertiert und hab es gerne ruhig. Ach ja, Kinder mag ich deshalb auch nicht allzu sehr (obwohl ich Einzelexemplare durchaus reizend finden kann) und meine liebste Kost ist und bleibt leicht und vegetarisch. Dies vorab. Die, die Lateinamerika kennen, werden spätestens jetzt grinsen.

Selbstverständlich: Anpassung ist alles! Und dennoch, hier kommen fünf Dinge, an die ich mich nie ganz gewöhnen werde.

1. Ansprachen und Titel

Wer sich in Deutschland mit der Doktorarbeit quält nur um später mit ‘Doktor’ angesprochen werden zu können, sollte sich überlegen, nicht das Land zu wechseln.

In Kolumbien ist jede/r ein ,,Doktor” oder eine ,,Doktora”, der/die gesellschaftlich besser gestellt ist, studiert hat oder als Anwalt arbeitet.

Ein Relikt aus der Kolonialzeit sind auch die Ansprachen ‘Don’ und ‘Doña’ plus den Vornamen, etwa ‘Don Antonio’ oder ‘Doña Rosa’. Hier wird das Wort üblicherweise an Hausherren gerichtet oder solche, die etwas zu sagen haben, an Respektspersonen. Ebenso üblich ist, dass Arbeiter ihren Auftraggeber mit ‘Patrón’ ansprechen.

Gängig sind auch, ähnlich wie das englische “Yes, Ma’am” oder “Yes, Sir”, ein stets höfliches “Sí, señor” oder “Sí, señora”.

Die für unsere Ohren altmodischen Berufsbezeichnungen als Ansprache “Frau Lehrerin” (Profesora), “Frau Doktor” (Doktora) oder einfach “Meister” (Maestro), “Pilot” (Capitán) sind in Kolumbien auch völlig gängig.

Gesellschaftlich niedrig Gestellte müssen sich mit einfachem Vornamen begnügen oder sogar ‘liebevoll’ als ‘Dicke/r’ (‘Gorda/o’), Hässliche (‘Fea’), ‘Dürre/r’ (Flaka/o) oder ,,Schwarzer” (Negro) bezeichnen lassen. Damit hat hier niemand ein Problem. Kolumbien ist nichts für Zartbesaitete oder politische Moralaposteln.

2. Zeitgefühle

Zeitgefühle sind in Kolumbien anders. Zeit ist nicht Geld, Zeit ist eine Angabe – und zwar keine genaue. Man erkennt das etwa an der häufig genutzten Zeitangabe ‘Ahorita’ (übersetzt: Jetztchen – der Verniedlichung von ‘Jetzt’). Es kann jeden Moment soweit sein, ahorita, in 10 Minuten oder in einer Stunde.

,,Um 5 Uhr fahren wir los” bedeutet in 100 Prozent der Fälle, dass um 5.40 Uhr endlich alle umgezogen sind und sich Richtung  Ausfahrt bewegen. (Meistens fehlt doch noch einer, sodass es um 6 Uhr endlich losgeht.) Ich, die Deutsche, stehe um 5.15 Uhr ungeduldig am Ausgang.

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, immer ein Taschenbuch bei mir zu haben. Da auch Wartezeiten bei Ämtern oder beim Einkaufen oder einfach bei den täglichen Abläufen und Besorgungen erheblich sind, habe ich allein in den letzten vier Wochen zwei Bücher, davon einen Wälzer, durchgelesen.

3. Die Ernährungsweise

Kolumbiens Ernährung hat viel für sich. Fruchtsäfte etwa sind grundsätzlich frisch gepresst oder frisch püriert und niemals(!) aus dem Tetrapak. Großartig! Es gibt jedoch auch Dinge, die mich Europäerin irritieren.

Zum einen wären da die Mengen. Man nehme das Frühstück: Eier, Kraftbrühe, gebutterte Maistaschen mit Käse, Brötchen und Kakao mit Käse. Oder das Mittagessen: Suppe, Reis, Kochbanane, Avocado, Maniokwurzel, Fleisch oder Fisch in großen Mengen plus Salat.

Wer danach nicht mindestens eine Stunde Siesta halten kann, mit dem stimmt etwas nicht.

Und um sieben Uhr morgens eine heiße Rindfleischbrühe? Oder eine Milchsuppe mit Ei? Oder eine Fischbrühe? Geht immer!

4. Family Affairs

Jeder hier hat mindestens zwei Geschwister, eher drei, und gefühlte 100 Cousins. Das nationale Durchschnittsalter liegt bei 25 Jahren – also Kinder soweit das Auge reicht. Geburtstage, Kommunionen, Familienfeste, Animation, Kindermodeschauen, Kindertanz- und Gesang-Contests und Hüpfburgen dominieren die Wochenenden und Ferien im ganzen Land.

Nirgends sonst, so scheint es, bräuchte man sich weniger um das Wohl seiner Kleinen sorgen. Auf Kinder wird geachtet, sie werden von wildfremden Menschen gedrückt, von Onkeln und Tanten geküsst und rund um die Uhr unterhalten. Kinderkriegen ist hier das Normalste auf der Welt und man tut gut daran, vor dem 24. Lebensjahr damit anzufangen. Mit 30 geht man allmählich unter die Dinosaurier und muss sich gegen scharfe Kommentare aus den eigenen Reihen feien.

Die Familie geht außerdem über alles. Unternehmungen finden meist im Kreise der Familie statt, mit Bruder, Cousin oder Eltern, Tanten und Onkeln. Freundschaften werden nur oberflächlich gepflegt. Die Sippe ist der Anker.

Daran muss man sich als Europäer erstmal gewöhnen. Kapseln wir uns doch gerne ab vom Elternhaus und gehen stattdessen mit unseren Freunden, der ,,selbst gewählten Familie”, durch dick und dünn.

5. Die Lautstärke

Es ist fünf Uhr morgens, ein vermeidlich einsamer Waldweg, die Sonne steigt gerade auf, man möchte die Morgenruhe joggend genießen, die Vögel hören. Plötzlich plärren lateinamerikanische Rhythmen aus einem alten Radio, beschallen Wald und Wildnis und ein Pulk von Kolumbianern kommt einem plappernd entgegen.

Tragbare Radios sind beliebter als Kopfhörer. Kein Wunder, ist die kolumbianische Gesellschaft eine gemeinschaftliche und keine individualistische. Gerne teilt man, was man liebt. In diesem Fall: Musik, gute Laune, Tratsch und Leben.

Diskotheken unterliegen keinen gesetzlichen Lärmschutzrichtlinien und halten am Wochenende ganze Nachbarschaften vom Schlafen ab. Auch starke Beats aus geöffneten Autokofferräumen an Straßenecken, auf Einfahrten und neben spontan aufgestellten Bars sind ganz normal.

Die einen steckt die Lebensfreude an, die anderen schlägt sie in die Flucht. Wie auf allen Reisen muss man entscheiden, ob man sich verkapseln oder öffnen möchte.

Letzteres bringt einem sicher mehr Freunde, Wohlwollen und gute Laune. Das rede ich mir jedenfalls ein wie ein Mantra und lächle tapfer gegen alle inneren Widerstände an.

Immerhin merke ich, dass auch so manche Nordkugler-Gebärden bei mir inzwischen Stirnrunzeln auslösen und ich weniger Verständnis für der Deutschen ,,Wehwehchen” habe – immerhin.

————————————————————————————–

Seit fast einem Jahr lebt Julia Buschmann in Kolumbien, hat sich vor gut zwei Jahren in eine kolumbianische Familie ,,eingeheiratet” ohne genau geahnt zu haben, auf was sie sich damit einlassen würde. Gelegentlich schreibt sie an dieser Stelle über ihre Erfahrungen im Latino-Land hinter dem Atlantik. 

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s